Leitgedanken - Kirchenchor

Direkt zum Seiteninhalt
Projekte > Misa a Buenos Aires > Konzert 2012

Es ist ein Ros entsprungen…
Schon bald wird dieses Weihnachtslied vielerorts wieder ertönen. Sein Text bezieht sich auf Jes 11,1: „Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen, und ein Spross aus seinen Wurzeln wird Frucht tragen." Michael Praetorius haben wir die Fassung dieses einfühlsamen und schönen Liedes, so wie wir sie aus dem reformierten Gesangbuch kennen, zu verdanken.
Doch bevor wir Weihnachten gedenken, feiern wir an diesem Wochenende den Ewigkeits- oder Totensonntag. Zu seiner Geschichte verweise ich auf die Angaben aus dem Ökumenischen Heiligenlexikon. Er beendet das Kirchenjahr. Mit dem 1. Advent beginnt am nächsten Sonntag bereits die Weihnachtszeit und damit eben das neue Kirchenjahr.
Unser Kirchenchor hat für dieses Wochenende ein sehr spezielles, schönes und interessantes Konzert eingeübt. Auf dem Programm stehen vertraute Melodien, wie die Luther-Melodie "Aus tiefer Not schrei ich zu Dir" welche Bach in der
Kantate BWV 38 im Eingangschor erklingen lässt, aber auch ungewohntere Klänge, wie die "Misa a Buenos Aires", von  Martín Palmeri, oder die Tangorhythmen von Astor Piazolla, die dazwischen erklingen.

Ewigkeitssonntag – Bach – Tango – Messe – Weihnachtsszeit - die Rose wird zum verbindenden Symbol.

„Aus tiefer Not schrei ich zu dir" – dies dürfte all denen, die in der vergangenen Zeit einen lieben Menschen verloren haben, nicht fremd sein: das Elend hinausschreien, insofern man dazu überhaupt noch in der Lage ist. Oft erstickt der Tod auch das Leben, das noch übrig bleibt. Zweifel, Ängste, Fragen und Resignation machen sich breit. Wozu noch leben? Was hat mein Leben noch für einen Sinn? Lieber sterben, als dieses Elend ertragen. Oder funktionieren! Meine Umgebung erwartet dies von mir. „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig Ohren kehr her zu mir und meiner Bitt sie öffne." Martin Luther hat dieses Kirchenlied 1524 geschrieben, Psalm 130 diente ihm als Vorlage dazu. Es sind die Dornen der Rose, die wir hier spüren. Das Elend und das Leid, das jeden von uns treffen kann. Dornen, die sich in unser Fleisch bohren und blutige und schmerzende Wunden hinterlassen.

Aber es entspräche nicht christlichem Glauben, wenn wir in diesem Bild stehen blieben. Das Lied selber nimmt diese Hoffnung auf: „Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort. Das ist mein Trost und treuer Hort; des will ich allzeit harren." Sind diese Worte nicht Hinweis auf die wachsende Knospe, vielleicht noch unsichtbar, die sich dereinst in eine wunderbare Rose wandeln soll?

Das Bandoneon übernimmt unsere Gedanken und entführt uns mit seinen Klängen in andere Sphären. Von Astor Piazolla, der den klassischen Tango als Basis mit Elementen aus der Klassik und dem Jazz bereichert, erklingen die beiden Werke Milonga del Angel (Tanz des Engels) und Verano Porteno aus dem Zyklus ‚Las Cuatro Estaciones Portenas‘ (Die vier Jahreszeiten in Buenos Aires).
Engel haben wir alle von Zeit zu Zeit nötig. Kinder brauchen Schutzengel, später sind es Engel, oft auch in Menschengestalt, die uns begleiten und trösten und uns eine Stütze sein wollen. Und was das Stück aus den Vier Jahreszeiten betrifft, das im Grunde genommen den Sommer beschreibt, so ist dies gerade auch Sinnbild dafür, dass jedem Winter ein Sommer folgt – aber es braucht den Frühling dazwischen und damit Geduld, wie das Wachsen einer Rose.

Die „Misa a Buenos Aires", besser bekannt unter dem Namen „Misatango", nimmt die mit der Bachkantate eingeleiteten Ängste, Zweifel und Fragen wieder auf. Es sind die Texte der katholischen Messe, die in seiner Komposition eindrücklich und innig gesungen werden. Das Werk beginnt mit dem eindringlichen Bittruf: „Kyrie eleison", Herr erbarme dich – und ich höre in diesen Worten und Klängen all die Schreie von Menschen, die leiden und nicht mehr weiter wissen. Sie schreien ihr Elend, ihr Nichverstehenkönnen zu Gott, dem Schöpfer allen Lebens und klagen bei ihm ihr Elend ein.
Doch, um wieder zum Bild der Rose zurückzukehren: da wachsen Blüten, auch wenn die Dornen sie zu erdrücken scheinen. Das Gloria, das die Ehre Gottes besingt und das Credo, das Bekenntnis unseres Glaubens führen zum Sanctus, das die Heiligkeit Gottes betont. Mit dem Benedictus wird es endlich Advent und Weihnachten: Gelobt, der da kommt im Namen des Herrn! Und damit bleiben die grosse Hoffnung und der grosse Wunsch verbunden: Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden! „Dona nobis pacem" – wer kennt ihn nicht, diesen Kanon? Wer kennt sie nicht, diese Sehnsucht? Friede zu finden in allem, was uns umtreibt? Friede zu finden in all den Unruheherden dieser Welt? Lamm Gottes – an Weihnachten geboren, an Karfreitag gekreuzigt und an Ostern auferstanden: gib uns deinen Frieden! Den Frieden, den wir brauchen, damit wir unser Leid überwinden können. Mit dieser eindringlichen und hoffnungsvollen Bitte schliesst die Messe.

In diesem Sinne – dona nobis pacem - hoffe ich, dass Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, die Zeit gönnen, zusammen mit uns dieses Konzert zu geniessen, um so altes loslassen und neues beginnen zu können. Denn:
„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art, und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.
Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria, die reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren, welches uns selig macht.
Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süss; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis, wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod."

Ihnen allen wünsche ich nun ein schönes Konzert und einen gesegneten Kirchenjahreswechsel.

Michael Schneider, Pfr.

Zurück zum Seiteninhalt